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Dissens und Streitkultur im vormodernen China und Korea

Willkommen auf der Webseite des Forschungsprojekts "Dissens und Streitkultur im vormodernen China und Korea". Dieses Projekt widmet sich der Untersuchung von Dissens und Streitkultur in den vormodernen Gesellschaften Chinas und Koreas, mit einem besonderen Fokus auf die konfuzianisch geprägten Traditionen dieser.

Hintergrund

Seit den Arbeiten von Georg Simmel wird Streitkultur vorwiegend als westliches Phänomen betrachtet, das als Kennzeichen moderner, pluralistischer Gesellschaften gilt. Historische Studien über Streitkultur konzentrieren sich häufig auf die westliche Entwicklung, während nicht-westliche Kulturen weniger Beachtung finden. Forscher wie H. A. Winkler argumentieren, dass eine entwickelte Kultur des Streitens typisch für westliche Gesellschaften sei, die durch einen elementaren Pluralismus und eine dualistische Machtstruktur geprägt sind. Diese Sichtweise unterstellt, dass nicht-westliche Kulturen aufgrund ihrer angeblich despotischen Strukturen und kompakten Machtverhältnisse keinen Raum für Dissens bieten. Die späte oder ausbleibende Demokratisierung in Staaten wie China und Nordkorea wird dabei häufig als Beleg für fehlende Streitkultur herangezogen.

Ziel

Das Projekt hinterfragt eben diese weit verbreitete Annahme, dass Dissens und Streitkultur im vormodernen China und Korea keinen Platz hatten. Ziel ist es, aufzuzeigen, dass es auch in diesen Kulturen Formen von Dissens und intellektuellem Streit gab, die tief in ihren Traditionen verankert sind, und dadurch ein differenzierteres Bild der konfuzianischen Kulturen in China und Korea zu zeichnen. Dies ist nicht nur für das historische Verständnis wichtig, sondern auch für aktuelle Diskussionen über Demokratie und Meinungsfreiheit in Ostasien. Indem die Traditionen des Dissens und der Streitkultur in diesen Gesellschaften beleuchtet werden, soll zur Dekonstruktion der bestehenden Dichotomie zwischen „westlicher“ und „östlicher“ (Streit-)Kultur beigetragen werden.

Am Ende des Projekts soll die Veröffentlichung einer Monographie stehen, die die Ergebnisse zusammenführt und ein Lexikon von Schlüsselbegriffen und -phrasen enthält, die für Dissens und dessen Reflexion genutzt wurden. Das Projekt soll einen wichtigen Beitrag zur Kulturgeschichte leisten und die Produktivität eines gemeinsamen Ansatzes von Sinologie und Koreanistik demonstrieren.

Vorgehensweise und Methodik

Die Forschung ist sowohl diachron (historisch) als auch systematisch angelegt. Nach einer Rekapitulation der frühen Formen des Dissens in der chinesischen Antike werden die Entwicklungen bis in die vormoderne Zeit Chinas und Koreas verfolgt.

Dabei liegt der Fokus auf den folgenden Aspekten:

  • Historische Fallbeispiele: Historische Beispiele von Debatten und Meinungsverschiedenheiten in China und Korea werden analysiert, um zu beleuchten, wie intellektuelle Debatten und Meinungsverschiedenheiten in diesen Gesellschaften geführt wurden, oft mit überraschend offenen und kritischen Ansätzen.
  • Philosophische Reflexionen: Es wird untersucht, wie Dissens und Streitkultur in den philosophischen und literarischen Texten dieser Kulturen reflektiert und theoretisch begründet wurden.
  • Vergleichende Perspektive: Durch den Vergleich der Entwicklungen in China und Korea sollen Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausgearbeitet werden, die Aufschluss über die kulturellen Grundlagen und ihre Auswirkungen auf die heutige Zeit geben. Trotz ihrer gemeinsamen konfuzianischen Wurzeln zeigen sich in der Entwicklung ihrer Streitkulturen unterschiedliche Akzentuierungen. Dieser vergleichende Ansatz ermöglicht es, die Spielräume und Begrenzungen der konfuzianischen Traditionen besser zu verstehen.