Im Mai 2026 organisierten Dr. Anke Scherer (Fakultät für Ostasienwissenschaften, Sektion Geschichte Japans) und Prof. Dr. Sören Urbansky (Fakultät für Geschichtswissenschaften, Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte) eine interdisziplinäre Exkursion mit Studierenden ihrer beider Fakultäten nach Hokkaidō, die nördlichste Hauptinsel Japans. Die Exkursion war als eine Lehrveranstaltung der RUB Summer School mit dem Titel „Russland und Japan: Imperiale Begegnungen im Nordpazifik“ konzipiert und beschäftigte sich mit einer Region, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einem wichtigen Schauplatz staatlicher Expansion, kolonialer Erschließung und geopolitischer Konkurrenz wurde.
Als nördlichste der vier Hauptinseln Japans nimmt Hokkaidō in der Geschichte des Landes eine besondere Stellung ein. Im Vergleich zu anderen Teilen Japans wurde die Insel erst relativ spät vollständig in den japanischen Staat integriert. Über Jahrhunderte hinweg war sie vor allem Lebensraum der Ainu, deren Siedlungsgebiet sich über Hokkaidō, Sachalin und die Kurilen erstreckte. Dadurch war die Region schon lange vor der Entstehung moderner Nationalstaaten Teil vielfältiger Austausch- und Kontaktbeziehungen im Nordpazifik.
Gerade diese Lage macht Hokkaidō zu einem spannenden Forschungsgegenstand. Den theoretischen Ausgangspunkt der Exkursion bildeten Ansätze aus den Borderland Studies. Dieses Forschungsfeld betrachtet Grenzen nicht nur als politische Linien auf einer Karte, sondern als Räume der Begegnung, des Austauschs und der Aushandlung unterschiedlicher Interessen. Aus dieser Perspektive erscheint Hokkaidō nicht einfach als nördliche Peripherie Japans, sondern als Teil eines größeren nordpazifischen Raumes, in dem unterschiedliche Bevölkerungsgruppen, politische Ordnungen und kulturelle Einflüsse aufeinandertrafen.
Daraus ergibt sich die Frage, ob Hokkaidō auch als Frontier verstanden werden kann. Der Begriff Frontier beschreibt Regionen, die von Staaten als neue Siedlungs- und Entwicklungsräume erschlossen und in bestehende Herrschaftsstrukturen integriert werden. Besonders nach der Meiji-Restauration (1868) wurde Hokkaidō zunehmend als ein solcher Raum betrachtet. Die Besiedlung der Insel, ihre wirtschaftliche Entwicklung und ihre Einbindung in den modernen japanischen Staat veränderten die Region innerhalb weniger Jahrzehnte grundlegend.
Diese Entwicklung steht in engem Zusammenhang mit den Umbrüchen Japans in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Nach der Ankunft des amerikanischen Commodore Matthew Perry und seiner sogenannten Schwarzen Schiffe im Jahr 1853 öffnete sich das bis dahin relativ isolierte Japan westlichen Einflüssen.
Nach dem Ende der Tokugawa-Herrschaft (1600–1868) begann mit der Meiji-Restauration ein umfassender Umbau des japanischen Staates. Die neue Regierung verfolgte das Ziel, Japan zu modernisieren, seine territoriale Kontrolle auszubauen und sich gegenüber den westlichen Mächten zu behaupten.
In diesem Zusammenhang rückte auch Hokkaidō stärker in den Fokus der politischen Entscheidungsträger. Die Insel wurde systematisch erschlossen, besiedelt und stärker in den japanischen Staat integriert. Gleichzeitig weitete das Russische Reich seinen Einfluss im Fernen Osten aus. Die Regionen um Sachalin, die Kurilen und Hokkaidō entwickelten sich dadurch zu einem Raum, in dem russische und japanische Interessen immer stärker aufeinandertrafen.
Genau diese historischen Entwicklungen bildeten den Ausgangspunkt der Exkursion. Während der Reise besuchte die Gruppe der Ruhr-Universität verschiedene Orte auf Hokkaidō und beschäftigten sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit der Geschichte der Region. Im Mittelpunkt standen dabei Fragen nach der Rolle der Ainu, den Beziehungen zwischen Russland und Japan sowie den politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Folgen der Erschließung des japanischen Nordens.
(Nils Bungardt)
Vor der Erkundung Hokkaidōs hatten die Studierenden in einem Workshop am Deutschen Institut für Japanforschung (DIJ) in Tokyo eigene Themenschwerpunkte für die Exkursion vorgestellt, die danach an verschiedenen Orten der Exkursion vertieft werden konnten. Die Ausarbeitungen dieser Themenschwerpunkte bilden die Inhalte der nachfolgende Blogbeiträge, die grob nach den fünf übergeordneten Themen des Workshops am DIJ gegliedert sind und zeigen, wie sich die Geschichte dieser Region bis heute in Museen, Erinnerungsorten, Landschaften und politischen Debatten widerspiegelt. Sofern nicht anders kenntlich gemacht, wurden alle im Webblog benutzten Bilder von Exkursionsteilnehmenden aufgenommen, für die Namen der Museen werden die englischen Bezeichnungen verwendet, um es für Interessierte zu erleichtern, diese Museen im Internet zu suchen.
Wir bedanken uns für die großzügige finanzielle Unterstützung für die Exkursion durch die Gesellschaft der Freunde der RUB, das PROMOS-Programm der RUB und die RUB Schools.